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FOKUS THEOLOGIE. Aus Graz. Für alle.
Mittwoch, 04. Februar 2026

Aus TheoNEWS wird FOKUS THEOLOGIE

Mit dieser Ausgabe präsentiert sich auch unser Newsletter in neuer Form. Künftig möchten wir Ihnen drei- bis viermal jährlich einen etwas umfassenderen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten unserer Fakultät geben.

Neben kurzen Infos zu Vorschau und Rückblick laden wir Sie in jeder Ausgabe auch ein, sich mit einem ausgewählten Aspekt etwas genauer vertraut zu machen: prägende Themen, engagierte Menschen, spannende Projekte.

Wir freuen uns, wenn dieses neue Format Ihr Interesse weckt, Bekanntes vertieft und vielleicht auch dazu einlädt, unsere Fakultät weiterhin – oder ganz neu – zu begleiten.

SPOTLIGHT

Zwischen Bild und Text

Ein Gespräch mit Torben Hanhart über Geschlechterbilder, religiöse Bildwelten und die Frühe Neuzeit

Torben Hanhart ist Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bern. In seiner Dissertation untersucht er mütterliche Gesten des christlichen Gottes in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Er war u.a. Fellow an der Bibliotheca Hertziana in Rom und Visiting Scholar an der KU Leuven. Im Grazer ELF-Projekt bringt er insbesondere seine Expertise zu frühneuzeitlicher religiöser Bildkultur, Gendergeschichte und Männlichkeiten ein.

Kannst Du das Projekt („Zwischen Bild und Text. Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit“) und Deine Rolle dort kurz umreißen?

Wir untersuchen in diesem Forschungsprojekt historische Objekte mit religiösen Inhalten, in denen Bild und Text zusammenkommen: illustrierte Bücher, Flugblätter, Gemälde etc. Dabei geht es uns darum zu verstehen, welche geschlechtlichen Rollenvorstellungen diese Darstellungen abbilden und prägen.

Unser Team arbeitet dem Untersuchungsgegenstand entsprechend interdisziplinär. Ich bringe meine Perspektive als Kunsthistoriker ein.

Wie bringst Du Deine bisherige Erfahrung dort ein? Und wie ist Deine Herangehensweise (Stichwort: Methodik)?

In meiner Promotion erforsche ich die Vorstellung von Gott als Mutter in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Dazu gehören u.a. Darstellungen eines Christus, der stillt oder Gläubige schützt wie eine Henne. Bei der Recherche ist mir aufgefallen, dass diese Gottesbilder zu Vorbildern für Zeitgenossen wurden: v.a. in Italien (aber nicht nur dort) verbreitet sich so das Ideal des mütterlichen Mannes. In unserer ELF-Gruppe möchte ich diesem Zusammenhang nun weiter nachgehen. Dazu betrachte ich in erster Linie Quellen aus der Hagiographie wie Heiligenviten, aber auch beschriftete Druckgrafiken, Predigten, die mit Ekphrasis arbeiten, sowie klassische Archivalien wie Briefe, Verträge und Statuten.

Inwiefern hast Du als Kunsthistoriker einen Bezug zur Theologie?

Uns Kunsthistoriker:innen begleitet die Theologie gleich ab dem 1. Semester. Das ergibt sich schon aus den Inhalten der vielen sakralen Kunstwerke, die wir im Studium kennenlernen. Seitdem ich mich auf Gottesbilder in der Kunst spezialisiere, sind die Erkenntnisse theologischer Forschung wesentlich für meine tagtägliche Arbeit, v.a. jene der Auslegungsgeschichte biblischer Texte. Hinzu kommen Forschungsdatenbanken theologischer Fakultäten, ihre Bibliotheken, Bildarchive und – wegen der Schließung von Klöstern und Konventen heute – auch ihre wachsenden Kunstsammlungen. In der Vergangenheit durfte ich als Gastwissenschaftler an der wunderbaren Maurits Sabbe Bibliothek der Theologie und Religionswissenschaft an der KU Leuven forschen. Der Austausch mit den Kolleg:innen vor Ort hat zu vielen neuen Ergebnissen und Perspektiven geführt. Mit verschiedenen disziplinären Prägungen einem gemeinsamen Erkenntnisinteresse nachzugehen, darüber freue ich mich nun auch in Graz.

Im Projekt geht es, dem Titel entsprechend, um intermediale (konkret: textlich-bildliche) Geschlechterkonstruktionen der Frühen Neuzeit und ihre Wirkungen ins Heute. Wie würdest Du den Wandel der Geschlechterkonstruktionen beschreiben? Wie wurden also damals, wie werden heute Geschlechter intermedial konstruiert bzw. auch normiert?

Es geht bei unserer Forschung zum einen darum zu verstehen, welchen Vorbildern Menschen begegnen – und zum anderen, welchen Abwertungen. Für beides spielen Vorstellungen des Göttlichen eine wichtige Rolle. Um aber nachvollziehen zu können, welche konkreten Bilder gesellschaftlich prägend bzw. anschlussfähig waren, müssen eine ganze Reihe von Faktoren mitbedacht werden: Dazu gehören Ort, Zeit, die Zugänglichkeit von Medien, die Hintergründe ihrer Herstellung etc. Was z.B. in einem italienischen Heiligenbild des 16. Jh. ein wirksames Vorbild setzt, kann andernorts Grundlage einer Karikatur werden. Entsprechend vielstimmig sind die bisherigen Ergebnisse unserer Forschung. Den „einen“ Wandel zu beschreiben, wäre also schwierig.

Welche frühneuzeitlichen Normen/Normierungen von Geschlechterrollen siehst Du bis heute wirken? (Gerne, wenn möglich, anhand eines Beispiels antworten.)

Hinsichtlich der Inhalte unserer Quellen gibt es, denke ich, einige normative Bilder, die uns heute ungewohnt erscheinen (Christus als Henne z.B.), andere Antworten, die in der Reformationszeit auf gesellschaftliche Fragen gegeben wurden, begegnen uns noch heute (z.B. die Zusammensetzung einer „richtigen“ Familie). Ich bin also sehr gespannt auf unsere Diskussionen in Graz!

Was die Wege der Normierung betrifft, gibt es einige Kontinuitäten. So verbindet unsere Gegenwart und die Frühe Neuzeit, dass die Kombination von Text und Bild ein präsentes – und effektives – Mittel zur Verbreitung normativer Bilder von Geschlechterrollen ist. Weiterhin ist die Mobilität von Bildern damals wie heute erheblich. Natürlich unterscheiden sich die Kanäle und Geschwindigkeit ihrer Verbreitung, aber schon im 16. Jh. gab es eine globale Zirkulation von Bildern, die auch für die Frage nach Geschlechterrollen mitbedacht werden muss. Gleichzeitig ist es meiner Einschätzung nach für beide Momente produktiv und wichtig zu fragen, was repräsentiert wird und wer unsichtbar bleibt. Wenn es z.B. in einer visuellen Kultur überhaupt keine Darstellungen weinender Väter gibt, können wir auch aus dieser Abwesenheit etwas lernen. Das gilt für den Blick in die Vergangenheit und für den auf unsere Gegenwart.

Hintergrund & Quellen

Projektseite Universität Graz – Elisabeth-List-Fellowship

Institut für Systematische Theologie und Liturgiewissenschaft – Projektbeschreibung

Universität Bern – Torben Hanhart

PROJEKT AUF EINEN BLICK

Titel: Zwischen Bild und Text. Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit

Programm: Elisabeth-List-Fellowship-Programm für Geschlechterforschung der Universität Graz

Leitung: Univ.-Prof.in Dr.in Martina Bär, Katholisch-Theologische Fakultät

Team: Benedikt Bauer (Incoming Senior Fellow), René Corvaia-Koch (Local Junior Fellow), Torben Hanhart (Incoming Junior Fellow)

Laufzeit: August 2025 bis Januar 2027 (Projektseite des Fellowship-Programms)

Wenn Gott mütterlich wird

Das Forschungsprojekt „Zwischen Bild und Text“ fragt, wie religiöse Bilder und Texte Geschlechterrollen prägen – und warum frühneuzeitliche Bildwelten bis heute relevant sind.

Christus, der stillt. Christus, der Menschen wie eine Henne unter seinen Flügeln schützt. Solche Motive wirken aus heutiger Sicht überraschend. Für den Kunsthistoriker Torben Hanhart sind sie jedoch mehr als ikonographische Kuriositäten: Sie öffnen den Blick auf historische Vorstellungen von Geschlecht, Fürsorge und Göttlichkeit – und auf Rollenbilder, die in Bildern und Texten zugleich vermittelt wurden.

Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Zwischen Bild und Text. Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit“ an. Das Projekt ist Teil des Elisabeth-List-Fellowship-Programms für Geschlechterforschung der Universität Graz und wird von Martina Bär an der Katholisch-Theologischen Fakultät geleitet. Das interdisziplinäre Team untersucht illustrierte Bücher, Flugblätter, Bilderbibeln, Porträts, Heiligenbilder und andere Medien, in denen Text und Bild gemeinsam Bedeutung erzeugen. Im Zentrum steht die Frage, wie solche Kombinationen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit stabilisierten, aushandelten oder auch infrage stellten.

Die Frühe Neuzeit ist dafür ein besonders ergiebiges Untersuchungsfeld. Neue Druck- und Verbreitungsformen sorgten für eine wachsende Medienvielfalt; religiöse Inhalte konnten ein immer größeres Publikum erreichen. Im protestantischen wie im katholischen Kontext wurden Geschlechtervorstellungen dabei nicht nur beschrieben, sondern sichtbar gemacht. Die offizielle Projektbeschreibung nennt etwa die lesende Ehefrau im Protestantismus und die keusche Gottesmutter Maria im Katholizismus. Auch polemische Bilder konnten Geschlecht strategisch einsetzen, um konfessionelle Gegner abzuwerten.

Hanhart bringt in das Projekt die Perspektive der Kunstgeschichte ein. An der Universität Bern arbeitet er an einer Dissertation über mütterliche Gesten des christlichen Gottes in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Bei seinen Forschungen stieß er darauf, dass solche Gottesbilder auch gesellschaftliche Vorbildfunktion entwickeln konnten. Besonders interessiert ihn das Ideal des „mütterlichen Mannes“, das sich vor allem in Italien, aber nicht ausschließlich dort, beobachten lässt. Im Grazer Projekt verfolgt er diese Spur anhand von Heiligenviten, beschrifteten Druckgrafiken, Predigten sowie Briefen, Verträgen und Statuten weiter.

Dass Kunstgeschichte und Theologie dabei eng ineinandergreifen, ist für Hanhart selbstverständlich. Wer sich mit sakraler Kunst beschäftigt, begegnet theologischen Fragen bereits im Studium; für die Erforschung von Gottesbildern wird insbesondere die Geschichte der Auslegung biblischer Texte wichtig. Hinzu kommen theologische Forschungsdatenbanken, Bibliotheken, Bildarchive und Kunstsammlungen. Hanhart selbst forschte als Gastwissenschaftler an der Maurits-Sabbe-Bibliothek der KU Leuven. Gerade der Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen, so betont er, eröffnet neue Perspektiven.

Ein einfaches Narrativ vom Wandel „der“ Geschlechterrollen will das Projekt allerdings vermeiden. Welche Bilder wirksam werden, hängt von Ort und Zeit, von Zugänglichkeit und Verbreitung, von Herstellungsbedingungen und Publikum ab. Ein Motiv, das in einem italienischen Heiligenbild des 16. Jahrhunderts als Vorbild funktioniert, kann andernorts zur Grundlage einer Karikatur werden. Die historischen Befunde sind entsprechend vielstimmig.

Trotz aller Unterschiede zwischen dem 16. Jahrhundert und der Gegenwart erkennt Hanhart bemerkenswerte Kontinuitäten in den Mechanismen der Normierung. Die Kombination von Text und Bild ist damals wie heute ein besonders wirksames Mittel, um Vorstellungen von Geschlechterrollen zu verbreiten. Auch Bilder waren schon in der Frühen Neuzeit erstaunlich mobil und zirkulierten weit über lokale und konfessionelle Grenzen hinaus. Heute haben sich Kanäle und Geschwindigkeit radikal verändert – die Frage, welche Bilder gesellschaftlich anschlussfähig werden, bleibt jedoch aktuell.

Ebenso wichtig ist der Blick auf das, was nicht gezeigt wird. Hanhart nennt ein bewusst einfaches Beispiel: Wenn eine visuelle Kultur keine weinenden Väter zeigt, ist auch diese Abwesenheit aussagekräftig. Forschung zu Geschlechterbildern fragt deshalb nicht nur danach, was sichtbar ist, sondern ebenso danach, wer oder was unsichtbar bleibt.

Das Projekt verbindet damit historische Grundlagenforschung mit Fragen, die weit in die Gegenwart reichen. Es macht sichtbar, dass Geschlechterrollen weder ausschließlich durch Texte noch ausschließlich durch Bilder entstehen. Sie werden im Zusammenspiel von Medien, religiösen Traditionen, gesellschaftlichen Erwartungen und konkreten historischen Situationen hergestellt – und können gerade deshalb auch neu gelesen und neu verhandelt werden.

„Wenn es in einer visuellen Kultur überhaupt keine Darstellungen weinender Väter gibt, können wir auch aus dieser Abwesenheit etwas lernen.“

Zum Projekt

Das Elisabeth-List-Fellowship-Projekt läuft seit August 2025. Zum Team gehören neben Projektleiterin Martina Bär der Incoming Senior Fellow Benedikt Bauer, der Local Junior Fellow René Corvaia-Koch und der Incoming Junior Fellow Torben Hanhart. Das Projekt zielt außerdem auf weiterführende Drittmittelforschung, Publikationen sowie öffentlichkeitswirksame Formate.

Weitere Informationen auf der Projektseite der Universität Graz

Studiendekanat: Willkommen, willkommen!

Mit Beginn des Sommersemesters haben Christian Feichtinger und Nicole Bauer das Studiendekanat übernommen. Ihr Fokus wird u.a. auf einer vertieften Zusammenarbeit mit den Studierenden liegen, der Stärkung der Lehramtsstudien und der Weiterentwicklung von berufsbegleitenden Studien.
Für neue und “alte” Studierende bietet das “Welcome Year”  über das ganze Studienjahr verteilt eine Reihe von Angeboten, sich zu informieren und auch informell zusammenzukommen.

Kommende Highlights

Am 8. und 9. Oktober findet anläßlich des 800. Todestags von Franz von Assisi eine Tagung unter dem Motto BEGEGNUNG LEBEN statt. Der Eröffnungsvortrag von Hans Joas behandelt die Grundlagen eines Universalismus, der alle Menschen als Teil einer gemeinsamen Menschheit in den Blick nimmt.
Das Programm im Detail finden Sie unter: franziskaner.uni-graz.at.

Save the date: Am 26. November werden die Elisabeth-Gössmann-Preise für hervorragende Arbeiten zur theologie- und religionsbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung verliehen. 

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