Zwischen Bild und Text
Ein Gespräch mit Torben Hanhart über Geschlechterbilder, religiöse Bildwelten und die Frühe Neuzeit
Torben Hanhart ist Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bern. In seiner Dissertation untersucht er mütterliche Gesten des christlichen Gottes in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Er war u.a. Fellow an der Bibliotheca Hertziana in Rom und Visiting Scholar an der KU Leuven. Im Grazer ELF-Projekt bringt er insbesondere seine Expertise zu frühneuzeitlicher religiöser Bildkultur, Gendergeschichte und Männlichkeiten ein.
Kannst Du das Projekt („Zwischen Bild und Text. Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit“) und Deine Rolle dort kurz umreißen?
Wir untersuchen in diesem Forschungsprojekt historische Objekte mit religiösen Inhalten, in denen Bild und Text zusammenkommen: illustrierte Bücher, Flugblätter, Gemälde etc. Dabei geht es uns darum zu verstehen, welche geschlechtlichen Rollenvorstellungen diese Darstellungen abbilden und prägen.
Unser Team arbeitet dem Untersuchungsgegenstand entsprechend interdisziplinär. Ich bringe meine Perspektive als Kunsthistoriker ein.
Wie bringst Du Deine bisherige Erfahrung dort ein? Und wie ist Deine Herangehensweise (Stichwort: Methodik)?
In meiner Promotion erforsche ich die Vorstellung von Gott als Mutter in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Dazu gehören u.a. Darstellungen eines Christus, der stillt oder Gläubige schützt wie eine Henne. Bei der Recherche ist mir aufgefallen, dass diese Gottesbilder zu Vorbildern für Zeitgenossen wurden: v.a. in Italien (aber nicht nur dort) verbreitet sich so das Ideal des mütterlichen Mannes. In unserer ELF-Gruppe möchte ich diesem Zusammenhang nun weiter nachgehen. Dazu betrachte ich in erster Linie Quellen aus der Hagiographie wie Heiligenviten, aber auch beschriftete Druckgrafiken, Predigten, die mit Ekphrasis arbeiten, sowie klassische Archivalien wie Briefe, Verträge und Statuten.
Inwiefern hast Du als Kunsthistoriker einen Bezug zur Theologie?
Uns Kunsthistoriker:innen begleitet die Theologie gleich ab dem 1. Semester. Das ergibt sich schon aus den Inhalten der vielen sakralen Kunstwerke, die wir im Studium kennenlernen. Seitdem ich mich auf Gottesbilder in der Kunst spezialisiere, sind die Erkenntnisse theologischer Forschung wesentlich für meine tagtägliche Arbeit, v.a. jene der Auslegungsgeschichte biblischer Texte. Hinzu kommen Forschungsdatenbanken theologischer Fakultäten, ihre Bibliotheken, Bildarchive und – wegen der Schließung von Klöstern und Konventen heute – auch ihre wachsenden Kunstsammlungen. In der Vergangenheit durfte ich als Gastwissenschaftler an der wunderbaren Maurits Sabbe Bibliothek der Theologie und Religionswissenschaft an der KU Leuven forschen. Der Austausch mit den Kolleg:innen vor Ort hat zu vielen neuen Ergebnissen und Perspektiven geführt. Mit verschiedenen disziplinären Prägungen einem gemeinsamen Erkenntnisinteresse nachzugehen, darüber freue ich mich nun auch in Graz.
Im Projekt geht es, dem Titel entsprechend, um intermediale (konkret: textlich-bildliche) Geschlechterkonstruktionen der Frühen Neuzeit und ihre Wirkungen ins Heute. Wie würdest Du den Wandel der Geschlechterkonstruktionen beschreiben? Wie wurden also damals, wie werden heute Geschlechter intermedial konstruiert bzw. auch normiert?
Es geht bei unserer Forschung zum einen darum zu verstehen, welchen Vorbildern Menschen begegnen – und zum anderen, welchen Abwertungen. Für beides spielen Vorstellungen des Göttlichen eine wichtige Rolle. Um aber nachvollziehen zu können, welche konkreten Bilder gesellschaftlich prägend bzw. anschlussfähig waren, müssen eine ganze Reihe von Faktoren mitbedacht werden: Dazu gehören Ort, Zeit, die Zugänglichkeit von Medien, die Hintergründe ihrer Herstellung etc. Was z.B. in einem italienischen Heiligenbild des 16. Jh. ein wirksames Vorbild setzt, kann andernorts Grundlage einer Karikatur werden. Entsprechend vielstimmig sind die bisherigen Ergebnisse unserer Forschung. Den „einen“ Wandel zu beschreiben, wäre also schwierig.
Welche frühneuzeitlichen Normen/Normierungen von Geschlechterrollen siehst Du bis heute wirken? (Gerne, wenn möglich, anhand eines Beispiels antworten.)
Hinsichtlich der Inhalte unserer Quellen gibt es, denke ich, einige normative Bilder, die uns heute ungewohnt erscheinen (Christus als Henne z.B.), andere Antworten, die in der Reformationszeit auf gesellschaftliche Fragen gegeben wurden, begegnen uns noch heute (z.B. die Zusammensetzung einer „richtigen“ Familie). Ich bin also sehr gespannt auf unsere Diskussionen in Graz!
Was die Wege der Normierung betrifft, gibt es einige Kontinuitäten. So verbindet unsere Gegenwart und die Frühe Neuzeit, dass die Kombination von Text und Bild ein präsentes – und effektives – Mittel zur Verbreitung normativer Bilder von Geschlechterrollen ist. Weiterhin ist die Mobilität von Bildern damals wie heute erheblich. Natürlich unterscheiden sich die Kanäle und Geschwindigkeit ihrer Verbreitung, aber schon im 16. Jh. gab es eine globale Zirkulation von Bildern, die auch für die Frage nach Geschlechterrollen mitbedacht werden muss. Gleichzeitig ist es meiner Einschätzung nach für beide Momente produktiv und wichtig zu fragen, was repräsentiert wird und wer unsichtbar bleibt. Wenn es z.B. in einer visuellen Kultur überhaupt keine Darstellungen weinender Väter gibt, können wir auch aus dieser Abwesenheit etwas lernen. Das gilt für den Blick in die Vergangenheit und für den auf unsere Gegenwart.
Hintergrund & Quellen
• Projektseite Universität Graz – Elisabeth-List-Fellowship
• Institut für Systematische Theologie und Liturgiewissenschaft – Projektbeschreibung
• Universität Bern – Torben Hanhart