Elisabeth-List-Projekt: Zwischen Bild und Text
Torben Hanhart ist Incoming Fellow des intermedialen und interkonfessionellen Elisabeth-List-Projekts „Zwischen Bild und Text. Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit“. Der Kunsthistoriker und Doktorand an der Universität Bern berichtet im Kurzinterview von seiner Arbeit an diesem von Martina Bär geleiteten Projekt.
Worum geht es im Projekt – und was ist Deine Rolle?
Wir untersuchen historische Objekte mit religiösen Inhalten, in denen Bild und Text zusammenkommen: illustrierte Bücher, Flugblätter, Gemälde etc. Dabei geht es uns darum zu verstehen, welche geschlechtlichen Rollenvorstellungen diese Darstellungen abbilden und prägen.
Unser Team arbeitet dem Untersuchungsgegenstand entsprechend interdisziplinär. Ich bringe meine Perspektive als Kunsthistoriker ein.
Welche Rolle spielt Theologie für Deine Arbeit?
Uns Kunsthistoriker:innen begleitet die Theologie gleich ab dem 1. Semester. Das ergibt sich schon aus den Inhalten der vielen sakralen Kunstwerke, die wir im Studium kennenlernen. Seitdem ich mich auf Gottesbilder in der Kunst spezialisiere, sind die Erkenntnisse theologischer Forschung wesentlich für meine tagtägliche Arbeit, vor allem jene der Auslegungsgeschichte biblischer Texte.
Was bringst Du aus Deiner bisherigen Forschung ein?
In meiner Promotion erforsche ich die Vorstellung von Gott als Mutter in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Dazu gehören u. a. Christusdarstellungen, auf denen Christus stillt oder Gläubige schützt wie eine Henne. Bei der Recherche ist mir aufgefallen, dass diese Gottesbilder zu Vorbildern für Zeitgenossen wurden: Vor allem in Italien verbreitet sich so das Ideal des mütterlichen Mannes.
In unserer ELF-Gruppe möchte ich diesem Zusammenhang weiter nachgehen. Dazu betrachte ich in erster Linie Quellen aus der Hagiographie wie Heiligenviten, aber auch beschriftete Druckgrafiken, Predigten sowie klassische Archivalien wie Briefe, Verträge und Statuten.
Wie entstehen und verändern sich Geschlechterbilder?
Um nachvollziehen zu können, welche konkreten Bilder gesellschaftlich prägend bzw. anschlussfähig waren, müssen eine ganze Reihe von Faktoren mitbedacht werden: Ort, Zeit, die Zugänglichkeit von Medien und die Hintergründe ihrer Herstellung. Was z. B. in einem italienischen Heiligenbild des 16. Jahrhunderts ein wirksames Vorbild setzt, kann andernorts Grundlage einer Karikatur werden. Entsprechend vielstimmig sind die bisherigen Ergebnisse unserer Forschung. Den „einen“ Wandel zu beschreiben, wäre also schwierig.
Welche frühneuzeitlichen Vorstellungen wirken bis heute nach?
Hinsichtlich der Inhalte unserer Quellen gibt es einige normative Bilder, die uns heute ungewohnt erscheinen – Christus als Henne zum Beispiel. Andere Antworten, die in der Reformationszeit auf gesellschaftliche Fragen gegeben wurden, begegnen uns noch heute, etwa die Zusammensetzung einer „richtigen“ Familie.
Was die Wege der Normierung betrifft, gibt es einige Kontinuitäten. So verbindet unsere Gegenwart und die Frühe Neuzeit, dass die Kombination von Text und Bild ein präsentes und effektives Mittel zur Verbreitung normativer Bilder von Geschlechterrollen ist. Auch die Mobilität von Bildern ist damals wie heute erheblich. Schon im 16. Jahrhundert gab es eine globale Zirkulation von Bildern, die auch für die Frage nach Geschlechterrollen mitbedacht werden muss.
Gleichzeitig ist es wichtig zu fragen, was repräsentiert wird und wer unsichtbar bleibt. Wenn es z. B. in einer visuellen Kultur überhaupt keine Darstellungen weinender Väter gibt, können wir auch aus dieser Abwesenheit etwas lernen. Das gilt für den Blick in die Vergangenheit und für den auf unsere Gegenwart.
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