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Imaginationen des Unerklärlichen

Montag, 23.03.2020

Univ.-Prof. DDr. Theresia Heimerl über Deutungsmodelle der Krankheit vor und jenseits der modernen Naturwissenschaft

Das Problem einer übertragbaren Krankheit als unsichtbarem Feind, wie allenthalben dieser Tage zu lesen ist, ist nicht neu. Jeder Umgang mit diesem Problem besteht daher wesentlich darin, es sichtbar und damit zumindest ein wenig erklärbar zu machen. Was wir sehen, sind in der Regel abstrakte Bilder. Farbige Vergrößerungen des Virus mit seiner stacheligen Oberfläche sind sehr beliebt, oder aber mehr noch Graphiken, die uns sein Wirken verdeutlichen sollen. Diese Arten der Darstellung entsprechen unserem wissenschaftlichen Weltbild, sie passen zu unserer sonstigen Welterklärung gut dazu und machen das Virus und seine Auswirkungen für uns vorstellbar.

Wie aber haben sich Menschen Krankheit vor diesen Visualisierungs- und Deutungsmodellen, vor der modernen Naturwissenschaft und ihren Erklärungen, vorgestellt?

Fast alle bekannten Religionssysteme bringen Krankheit, insbesondere epidemisch auftretende Krankheit, mit ihren jeweiligen Transzendenzvorstellungen zusammen. Die vielen aus der jüdischen und christlichen Tradition bekannte Vorstellung der „Strafe Gottes“ ist religionswissenschaftlich betrachtet keineswegs das einzige Modell. In den meisten Kulturen gehen diese Krankheiten auf den Menschen feindlich gesinnte übernatürliche Wesen zurück, Dämonen, oder auch Götter und Göttinnen, in deren funktionalem Portfolio eben Krankheiten zu finden sind, wie etwa Apollon mit seinen Pestpfeilen. Der alte Orient kennt Sturmdämoninnen und -dämonen, die Krankheiten bringen, wie die sogenannte Lil-Triade. Schutz vor diesen DämonInnen bieten Amulette und andere magische Gegenstände, die den KrankeitsbringerInnen den Zutritt versperren.

 Diese Verbildlichung der Ausbreitung von Seuchen durch den Wind findet sich bis in die Neuzeit hinein, auch dort, wo alle dämonischen Wesen längst einem einzigen Gott unterstellt sind. An der Schwelle von der Personifikation einer sich verbreitenden Seuche in SturmdämonInnen zu einer wissenschaftlichen Erklärung liegt die Deutung aus dem Jahr 1348:  Der „Pesthauch“ (contagio, wie es der italienische Arzt Gentile da Foligno nannte) wird als Ergebnis einer ungünstigen Planetenkonstellation von Mars, Saturn und Jupiter am 20.3.1345 interpretiert. Und noch in der Sammlung steirischer Sagen von Karl Haiding aus dem Jahr 1982, die auf Aufzeichnungen des 19. Jahrhunderts basiert, begegnet die Geschichte von der „Pestwolke“, die als schwarzer Rauch auf der Stubalpe aus einem Loch aufsteigt und Krankheit auslöst.

In unterschiedlichen außereuropäischen Kulturen und deren religiösen Systemen sind Krankheiten, die ganze Gemeinschaften befallen, oft Ergebnis von schädigender Magie rivalisierender Gemeinschaften bzw. deren religiöser ExpertInnen, die es verstehen, Götter und Dämonen dazu zu bringen, dem Feind Krankheiten zu schicken bzw. zuzufügen. Die Bekämpfung der Seuche obliegt hier dem eigenen religiösen Experten, der sich mit den Göttern und Dämonen in Verbindung setzt.

Doch auch im längst christlichen Europa begegnet bis in mündliche Traditionen des 19. Jahrhunderts hinein eine sehr konkrete Imagination epidemischer Krankheit als Person: die Frau Pest.

Die Visualisierung der Pest, die im Europa des Spätmittelalters und der Neuzeit wütete, als Frau findet sich in zahlreichen deutschsprachigen Sagen, so auch bei Haiding, wo sie als „Pestweib“ umherzieht und kollektive Erkrankungen hinterlässt. Während sie hier als eine alte, hässliche Frau beschrieben wird, hat sie ihren jüngsten Auftritt in November, einem estnischen Film aus 2017, als schöne junge Frau, deren Kuss tödlich ist. Auch wenn in beiden Varianten pejorative Geschlechterstereotype bemüht werden – es gibt auch ein männliches Pendant, das dann in der Regel als Tod (der die Seuche bringt) imaginiert wird: „ein Fremder. Der hatte ein hageres knochiges Gesicht und trug einen weiten, blutroten Mantel und einen breitkrempigen Hut.“ Diese Beschreibung der Pest, die hier in den Donausagen vom Fährmann spätnachts noch über den Fluss gebracht wird und am nächsten Tag im Bayrischen Wald ausbricht, entspricht in vielem dem literarischen Denkmal, das Edgar Allan Poe 1842 einer Epidemie gesetzt hat. In The Masque of the Red Death lässt der Dichter die Personifikation der Seuche, die sich als Roter Tod maskiert, den ausgelassenen Maskenball einer feierwütigen Aristokratie besuchen.

Wer die Medienberichte der letzten Tage (und bald Wochen) aufmerksam liest, wird feststellen, dass diese Imaginationen des Unerklärlichen trotz aller naturwissenschaftlichen Graphiken noch nicht ausgestorben sind: Die Krankheit als Fremde/r, dem/der die Einreise verwehrt werden muss, die Après-Ski-Partys, bei denen das Virus mitfeiert, die Verschwörungstheorien von einem Biowaffenangriff durch Russland/China/wem immer. Das Unerklärliche einer Epidemie generiert Bilder jenseits der wissenschaftlichen Analyse, auf deren Eintrag in künftige Narrative wir gespannt sein können.

Verwendete Literatur:

Henrike Frey-Anthes, Unheilsmächte und Schutzgenien, Antiwesen und Grenzgänger. Vorstellungen von ‚Dämonen‘ im alten Israel, Fribourg: Academic Press 2007 (= Orbis Biblicus et Orientalis 227).

Karl Haiding, Volkssagen aus der Steiermark, Graz/Wien: Leykam 1982.

Edgar Allan Poe, The Masque of the Red Death, Philadelphia: Graham’s Magazine 1842.

Max Stebich, Donausagen, Wien u.a.: Breitschopf 1978.

Lawrence E. Sullivan / Susan Sered Lawrence, Healing and Medicine. An Overview, in: Encyclopedia of Religion. 6., hg. Lindsay Jones, Chicago: Macmillan 22005, 3808-3816.

 

 

Foto: pixabay

 

 

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