Irmtraud Fischer ist Pionierin. Sie hatte sich als erste Frau in Österreich in einem katholisch-theologischen Fach habilitiert. Und sie leistete Pionierarbeit. „Als wir 2006 angefangen haben, gab es unter Wissenschaftler:innen durchaus Skepsis, ob wir das schaffen“, erzählt Fischer, heute emeritierte Professorin für Alttestamentliche Bibelwissenschaft. Sie selbst sowie die spanische Theologin Mercedes Navarro Puerto, die italienische Religionshistorikerin Adriana Valerio und die britische Kirchenhistorikerin Charlotte Methuen zweifelten allerdings nie am Gelingen des Großprojekts und zeichnen für insgesamt 21 Bände verantwortlich.
Aus dem Blickpunkt von Männern
Rund 300 Wissenschaftler:innen, darunter Theologinnen, Historikerinnen, Archäologinnen, Rechts- Kunst- und Musikhistorikerinnen , haben daran mitgearbeitet, eine Forschungslücke zu schließen. Sie untersuchten, wie biblische Frauenfiguren von der Entstehung der Texte bis ins 21. Jahrhundert gelesen sowie interpretiert wurden und wie das heute in einer genderfairen Gesellschaft zu deuten ist. Die renommierten Expert:innen widmeten sich auch geschlechtsspezifischen Fragen, etwa welche Rolle die weibliche Biologie im Alten und Neuen Testament spielte. „Denn jede Zeit, jede Epoche, jede Sprache legt die Texte anders aus“, erklärt Fischer. Im Fall der Frauen in der Bibel allerdings lange nur aus dem Blickpunkt von Männern.
Vieles wurde und wird mit Tradition begründet, hält die Wissenschaftlerin fest. „Unsere Forschung hat die vermeintliche Tradition entlarvt. Sie ist ein Konstrukt männlicher Amtsträger“, merkt sie kritisch an.
Fehlerhafte Auslegung
Irmtraud Fischer erinnert an die lateinische Bibelübersetzung von Hieronymus, die sogenannte Vulgata, die 1500 Jahre lang die christliche Gesellschaft prägte. So habe Hieronymus zum Beispiel an einer Stelle im Alten Testament das Begehren der Frau bewusst ausgelassen und stattdessen einen Terminus des Römischen Rechts eingefügt: die sogenannte Potestas, die als rechtliche Verfügungsgewalt eines männlichen Familienoberhauptes zu verstehen ist. Damit wurde schließlich die Herrschaft des Mannes über die Frau in der Bibel verankert. „Obwohl diese Übersetzung vom hebräischen Originaltext nicht haltbar ist“, bestätigt die Forscherin.
Konservative Geschlechterrollen im Vormarsch
Zudem wurden Frauen, die alternative Bibelauslegungen vertraten, als Ketzerinnen stigmatisiert und gezielt vergessen gemacht. „Wir sind auch heutzutage nicht davor gefeit“, warnt Fischer angesichts eines weltweit zunehmenden Rechtsrucks. So werden etwa in den USA konservative Geschlechterrollen mit der Heiligen Schrift begründet und finden mit den „tradwives“, die sich auf das Dasein als Ehefrau und Hausfrau konzentrieren, ihren Ausdruck.
Präsentation des finalen Bandes
Weitere aktuelle Themen behandelt der 21. Band, der die Reihe beschließt und wieder in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch) erscheint. Präsentiert wird die Publikation bei einem internationalen Kongress vom 4. bis 7. Dezember 2025 in Neapel – dort wo das Forschungsprojekt vor knapp 20 Jahren mit einer Tagung begonnen wurde.
Alle 21 Bände wurden in deutscher Sprache im Verlag Kohlhammer publiziert.